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Das Ziel

Welchen Weg soll die Sammlung gehen und welches Ziel verfolgt der Sammler? In Gesprächen mit Sammlern und Inter-essierten wird diese Frage immer wieder gestellt. Da die gesamte Sammlung eine gewisse Größe, Vielfalt und Bedeu-tung hat und natürlich auch einen materiellen Wert darstellt sowie der Sammler langsam aber sicher älter wird, wird der gesicherte Verbleib und ein adäquates Betreiben immer dringlicher.

Seit über vier Jahren besteht eine enge Kooperation mit dem Fachbereich Literaturwissenschaft (Prof. Dr. Albert Kümmel-Schnur www.kuemmel-schnur.de)  und seit etwa drei Jahren mit der Human-Computer Interaction Group (Prof. Dr. Harald Reiterer) an der Universität Konstanz. Vorlesungen und Seminare zum Thema Telefonie aus der Sicht 'Digitale Medien/Digitale Kunst' erbrachten mit Hilfe des umfangreichen Archivs und der zahlreichen Objekte eine Fülle an wissenschaftlichen studentischen Arbeiten. Ein erster Teil wurde Anfang 2008 nach dem Seminar 'Dear Phone' in einer Ausstellung im Kulturzentrum Konstanz präsentiert.

Seit Anfang 2010 gibt es nun recht konkrete Pläne, die Sammlung so aufbereitet vorzustellen, dass aufgeschlossene Sponsoren und Träger nachdrücklich auf den etwas im Verborgenen schlummernden Schatz und dessen vielfältige Dar-stellungs-Möglichkeiten der Telefonie-Geschichte aufmerksam werden.

Seit 15. November 2010 läuft eine größere Ausstellung unter dem Thema Fernbeziehung  www.fernbeziehung-kn.de im Gebäude der Sparkasse Bodensee - dem ehemaligen Postgebäude - an der Marktstätte in Konstanz. Sie macht in drei unterschiedlichen Themenbereichen - Mensch, Maschine, gespenstische Phänome - bis zum 27. Februar 2012 auf die Reichhaltigkeit  der Sammlung aufmerksam. Ein Sponsoren-  und Träger-Gremium soll auf diese Weise gefunden werden, sie in ein eigenständiges Museum zu  überführen.

Prof. Dr. Albert Kümmel-Schnur  hat die Vision, die Sammlung Schmidt in ein Museum besonderer Art zu verwandeln:

Erzähltes / erzählendes Netzwerk als Fokus eines 'blended museums'

Zwischen dem Gegenstand des Museums und seiner narrativen Aufbereitung ergibt sich ein spannungsgeladenes Pro-blemfeld. Netze sind kat'exochen unerzählerisch, breiten sich doch ihre Bezüge nicht entlang eines (roten) Fadens linear bzw. sequentiell aus, sondern organisieren sie flächig, gleichrangig. Oft genug sind einzelne Punkte nicht mit anderen verbunden - Netze sind ungleich dicht verknüpft. Nicht jeder Punkt ist bedeutsam. Aus diesem Querstand ergibt sich die Frage: Wie erzählt man / erzählt sich das Netz?

Genau hier kann die Arbeit an der Erzählung einer Sammlung historischer Fernmeldetechnik einsetzen. Sie ist selbst Knotenpunkt in einem Netzwerk mit anderen Sammlungen und selbst Teil jener Telefonie-Geschichte, die sie speichert und verfügbar hält. Sie selbst hat eine Geschichte und einen Erzähler - den Sammler -, dessen Biografie den roten Faden darstellt, der die Sammlungsobjekte wie Perlen auf einer Kette aufreiht. Der Sammler als Erzähler gerät in die Funktion, die Roland Barthes dem modernen Autor zuschreibt: Er ist Spinne, die mitten im Netzwerk einer möglichen Erzählung hockt und stetig an ihm weiterarbeitet.

Nicht nur gebiert jedes Objekt eine Erinnerung und somit eine Geschichte, sondern bei jedem Gang durch die Sammlung verknüpfen sich für den Sammler die gesammelten Artefakte ganz neu und geben Anlass zu weiteren Geschichten. Der Sammler ist jedoch nicht einfach Urheber dieser Geschichten, sondern selbst verfangen in ihrem Netz. Nicht nur erzählt jede der Geschichten ihn selbst, nicht nur erstreckt sich seine Persönlichkeit auch auf alle Geschichten, die die Samm-lung enthält - die Ethnographie spricht von diesem Phänomen als 'divided personhood' (Alfred Gell: Art and Agency, Lon-don 1999) -, sondern die Sammlung enthält mehr Geschichte und weit mehr Geschichten, als der Sammler selbst kennt oder aus den vielen möglichen Anschlussstellen, die die Artefakte bieten, zu kombinieren vermag. Je nachdem also, wie die Artefakte miteinander verknüpft werden, werden sich neue, andere Geschichten, eine neue Perspektive auf die Telefo-nie-Geschichte im Allgemeinen ergeben.

Diese Arbeit entpricht aber exakt der Leistung des Mediums Telefon selbst: Ein Telefon ist eine Möglichkeit, sich - auto-matisch oder manuell - verbinden zu lassen. Jedes Telefonat ist ein Selektionsakt, der zwei oder mehrere Anrufende und Empfangende miteinander verknüpft. Das Telefon ist eine Geschichten-Maschine. Aus dieser Doppelung eines Apparats, der Geschichte hat und Geschichten ermöglicht, kann ein Telefonie-Museum Kapital schlagen. Folgende Zusammen-hänge können dabei operativ werden:     

     *   Innere Verweisungsstruktur (Artefakte auf Texte, Artefakte auf Artefakte, Schaltungen etc.)

     *   Verweisung als Thema (Telefonnetz, Sammlernetz, Deutsche Post, Konstanzer Niederlassung etc.)

     *   Verweisung nach außen (Telefonverbindungen; Geschichte/n, die die Sammlung anzapft aber selbst

          nicht erzählt, Lücken der Sammlung etc.)

Dabei ist die Struktur der Telefonie-Geschichte/n immer in einem Spiel von An- und Abwesenheit verfangen: Sichtbare Artefakte werden über eine unsichtbare. wenn auch diagrammatisch visualisierte Verknüpfungsstruktur zueinander in Beziehung gesetzt. Die Stimmen der Telefonierenden sind während eines Gesprächs anwesend, ihre Körper jedoch ab-wesend, werden nicht mit übertragen.

Das Medium Telefon ist die größte Maschine der Welt. Diese Globalstruktur ist jedoch national parzelliert: Bis zu ihrer Aufteilung und Privatisierung im Jahr 1995 war die Deutsche Bundespost - ähnlich wie nur noch die Deutsche Bahn - ein Staat im Staate. Schließlich ist auch das Verhältnis einer privaten Sammlung zu einem öffentlichen Museum eines wech-selseitiger Unsichtbarkeiten: Die Sammlung löst sich auf im Museum, das Museum wird bedingt durch die Sammlung, die sich als Ganzes jedoch nie vorführen kann.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass ein Telefonie-Museum, das sowohl ein Netz repräsentieren als auch in Geschichtenform zugänglich sein sowie dem ausgestellten Medium angemessen diese Geschichten im Spiel von An- und Abwesenheit organisieren will, nie stabil sein kann, sondern sich fortwährend ändern muss. Diese Vorgabe ist mit einem klassischen Museum, das Objekte in Vitrinen vorführt, nicht umsetzbar, sondern nur im Spiel zwischen virtuellen und realen Elementen, kurz als blended museum. Gerade der blend von neuen Medientechniken und realen Artefakten kann dynamische Erzählungen zwischen An- und Abwesenden immer neu erzeugen, ja ist selbst nichts anderes als ein Spiel zwischen 'Fort' und 'Da'.

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